"Gesprächskiller" Smartphone? Wie Du digital nicht nur mehr kommunizierst, sondern besser!

Zwei Frauen im Gespräch am Lagerfeuer

Eigentlich traue ich mich gar nicht, dieses Bild zu zeichnen, weil es so dermaßen Klischee ist. Aber weil jedes Klischee auch Wahres in sich trägt, komme ich wohl nicht drum herum. Also, bitteschön …

Wenn Du mit halbwegs wachen Augen in der Welt herumläufst, dann kennst Du diesen Anblick sicher:

Menschen, die zusammen im Cafe, auf der Parkbank etc. sitzen und in ihr Handy starren. Vielleicht unterhalten sie sich auch über die Displays hinweg. Aber Augen und Finger kleben am Touchscreen.

Mich befremdet dieses Bild. Auch wenn es inzwischen wohl Alltag ist.

Es ist nicht so, dass ich während eines Treffens nicht auch mal aufs Handy schaue.
Aber das tue ich nur, wenn ich auf etwas wirklich Wichtiges warte, der andere gerade auf die Toilette verschwunden ist oder wir beschlossen haben, etwas nachzuschauen.

Ansonsten habe ich das Smartphone nicht mal in Sichtweite liegen, sondern es schlummert in meiner Tasche. Denn ich finde es schlichtweg unhöflich, wenn wir uns mit jemandem real treffen und dann doch nicht ganz bei diesem Menschen ist.

Wozu sollte ich jemanden sehen wollen, wenn ich nicht mit ihm reden und ihm zuhören möchte?

Welches Gefühl gebe ich dem anderen, wenn ich meine Aufmerksamkeit lieber auf ein Gerät richte als auf ihn?

Gesprächspartner, die auf Handys starren

Wie geht es Dir dabei?

Für mich fühlt es sich blöd an, wenn jemand längere Zeit auf sein Handy schaut, während ich ihm etwas erzähle.

Weil wir nicht wirklich multitasken können, können wir eben nicht beides mit voller Aufmerksamkeit tun: Zuhören und lesen bzw. schreiben.

Außerdem vermute ich, dass viele Menschen während einer Unterhaltung zum Handy greifen, weil sie auf den nächsten Dopaminschub warten und ihnen ihr Gegenüber den gerade nicht liefern kann.

Hier zeigt sich unsere Abhängigkeit von dem kleinen Gerät, das meines Erachtens auch ein Stück weit dafür verantwortlich ist, dass wir schneller ungeduldig werden und nicht mehr richtig zuhören können. Zumindest geht es mir so.

Gerade in der schriftlichen Kommunikation per Messenger oder E-Mail können wir nämlich  Texteteile, die uns nicht interessieren, nur überfliegen oder ganz überspringen.

Das funktioniert bei echten Gesprächen nicht. Wir können allenfalls den anderen bitten, auf den Punkt zu kommen. Was wir aber selten tun, weil es unangenehm ist.

Ist das Smartphone ein „Gesprächskiller?“

Medien schreiben seit Jahren über den „Gesprächskiller“ Smartphone und einen Verfall der Gesprächskultur.

Ich empfinde es oft ähnlich. Zum Beispiel in der oben beschriebenen Situation.

Wenngleich ich das − rein sachlich gesehen − relativieren muss: Nur weil jemand nicht auf sein Handy schaut, muss das noch lange nicht heißen, dass er im Gespräch ganz bei mir ist.

Er kann mit seinen Gedanken trotzdem woanders sein – bei seinen eigenen Sorgen, dem nächsten Termin oder vielleicht bei der netten Dame am Tisch nebenan. Das ist menschlich.

Studie: Kommunikation verändert sich, aber nicht zwingend negativ

Ist das Smartphone also wirklich per se ein „Gesprächskiller“?

An der Universität Mannheim forscht Prof. Dr. Angela Keppler mit ihrem Team schon seit einigen Jahren zu genau dieser Thematik. Und sie gibt zumindest teilweise Entwarnung:

„Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass sich das kommunikative Verhalten […] nachhaltig verändert hat. Zugleich aber legen sie nahe, dass von einem zunehmenden Verfall der Gesprächskultur keine Rede sein kann. Denn technische Kommunikationsmedien werden vielfach in die alltäglichen Formen des Gesprächs integriert […].“ − Angela Keppler, 20161

Beispiele für die Einbettung des Smartphones in Gespräche können sein:

  • Während der Unterhaltung checkt einer aktuelle Nachrichten, Sportergebnisse oder Kinotermine. Diese Inhalte fließen dann direkt in das Gespräch ein.
  • Mehrere Leute sitzen zusammen und checken gleichzeitig ihre Smartphones. Die reale Unterhaltung läuft währenddessen ohne nennenswerte Beeinträchtigung weiter, insofern es ein Teilnehmer mit der Handynutzung nicht übertreibt.
  • Das Smartphone dient als Medium, um dem anderen etwas zu zeigen (Bilder, Videos, Social-Media-Beiträge etc.) und dann darüber zu sprechen.

Die Forscherin gibt dabei zu bedenken, dass Medien wie Zeitungen oder Nachrichtensendungen schon immer Lieferant von Gesprächsthemen waren.

Beim Handy kommt nun die Gleichzeitigkeit von Nachrichten etc. hinzu, die verbale Gespräche mit weiteren Kommunikationsebenen verknüpft.

Fazit: Es wird also nicht weniger kommuniziert als früher, sondern anders und auf mehr Ebenen.
Zu dieser Erkenntnis kommt auch die Kommunikationsexpertin Isabel García, die ich dazu interviewt habe.

Am Leben anderer teilhaben dank digitaler Kommunikation?

Die Studienergebnisse sagen aber nichts über die Qualität der Gespräche.

Mein Gefühl sagt mir, dass sie insgesamt abnimmt. Zumindest bei Menschen, die sich von ihren Smartphones dauernd unterbrechen lassen.

Daher glaube ich nicht daran, dass viele digitale Kommunikationskanäle zu einer Verbesserung unserer Kommunikation beitragen.

Dabei sehe ich durchaus die Vorteile:

In Fernbeziehungen oder Freundschaften auf Distanz können Messenger den Kontakt absolut bereichern. Mit Videos, Fotos oder kurzen Nachrichten, die einen wissen lassen, dass der andere an einen denkt.

Mit über den Tag verteilten Botschaften lässt sich zumindest das Gefühl erzeugen, dass wir über die Entfernung hinweg doch ein bisschen am Leben des anderen teilhaben können.

Das tut meinem Herz schon gut. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit jemanden zusammen wäre, der nur zu ganz bestimmten Zeiten über das Festnetz erreichbar wäre, ist das für mich ein komischer Gedanke … Daran siehst Du, wie sehr diese Kommunikationswege schon in unserer Leben integriert sind.

Mir macht es auch Spaß, mit Freunden über WhatsApp und Co. zu schreiben. Aber diese Art der schriftlichen Kommunikation hat auch Grenzen.

Wenn ich an diese Grenze stoße, dann greife ich entweder zum Telefonhörer oder schaue persönlich vorbei. Aber auch hier habe ich den Eindruck, dass viele heutzutage ihre sozialen Kontakte lieber nur noch digital pflegen würden. Aber kann das funktionieren?

Missverständnisse trotz Emojis

Was digitale Kommunikation nämlich nicht ersetzen kann, ist das persönliche Face-to-Face-Gespräch, „Wir-Momente“ oder gar körperliche Nähe.

Fallen non-verbale Kommunikationssignale, also Körpersprache, Mimik, Gestik, Tonlage der Stimme usw. weg, schleichen sich sehr schnell Missverständnisse ein − vor allem, wenn wir einen Menschen nicht gut kennen.

Viele Messenger etc. greifen deswegen auf Emojis zurück. Die bunten Gesichter und Icons sollen die genannten Signale in der schriftlichen Kommunikation ersetzen und Botschaften so den richtigen Ton verleihen.

Das funktioniert mal mehr, mal weniger. Denn Studien2 zeigen, dass Menschen Emojis sehr unterschiedlich interpretieren. Für den einen lacht ein Gesicht − für den anderen bleckt es aggressiv die Zähne.

Die Tatsache, dass Entwickler versuchen, unserer komplexen Art zu kommunizieren mit immer mehr Emojis beizukommen, macht es nicht unbedingt einfacher, den anderen zu verstehen.

Und nicht nur, aber auch deswegen können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass andere das Smiley hinter unseren Aussagen auch richtig deutet.

„Sprache ist die Quelle der Missverständnisse“, lautet ein Sprichwort.

Bei der digitalen Kommunikation trifft das meiner Meinung nach in besonderem Maße zu.

Es ist schon im realen Leben schwer, Worte richtig zu deuten. Umso komplizierter wird es da im digitalen Raum.

Deswegen plädiere ich immer für echte Gespräche, wenn es um wichtige Dinge geht. Sonst geht schnell mal etwas nach hinten los.

Sind digitale Unterhaltungen weniger wert?

Ich gestehe: WhatsApp-Gruppen sind mir größtenteils zuwider. Weswegen ich die meisten, zu denen ich ungefragt hinzugefügt werde, gleich wieder verlasse oder zumindest stumm schalte.

Gruppenchats mögen zur Organisation von Terminen oder zur schnellen Verbreitung von allgemeinen Infos, zum Beispiel in Vereinen, sinnvoll sein. Aber wirkliche Gespräche gibt es dort nicht.

Stattdessen werde ich mit Inhalten zugespammt, die mich meistens nicht interessieren. Dort findet genau der oberflächliche Smalltalk statt, dem ich im Alltag aus dem Weg gehe.

Denn mal ehrlich: Weißt Du durch eine WhatsApp-Gruppe, wie es Deinen Freunden wirklich geht?

Digitale Kommunikation muss nicht zwingend oberflächerlicher sein als reale. Denn wenn ich sie mal konkret mit Alltagsgesprächen vergleiche, ist auch da nicht jedes Gespräch tiefgründig.

Dennoch habe ich das Gefühl, dass es gerade bei digitaler Kommunikation vielen darum geht, überhaupt zu kommunizieren. Der Inhalt ist dabei gar nicht so wichtig.

Es sind diese berühmten Sätze wie „Ich bin gerade … und tue …“. Dann frage ich mich: Hätten wir früher zum Telefonhörer oder Tintenfüller gegriffen und das jemandem mitgeteilt?

Weil das Handy aber überall dabei ist, wird auch alles Mögliche aus Langweile kommuniziert. Das verwässert den Wert von Gesprächen.

Für mich sind echte Gespräche das, was meinen Beziehungen zu anderen Menschen wirklich Tiefe verleiht. Sie lassen echte Nähe entstehen. Die Basis dafür können wir sicherlich auf digitalem Wege legen. Aber meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Beziehungen, die nie oder kaum auf realer Ebene er- und gelebt werden, irgendwann stagnieren. Am Ende sind wir eben soziale und analoge Wesen.

Wie können wir also das Beste aus unserer digitalen Kommunikation herausholen? Ich habe Dir hier mal fünf Tipps zusammengestellt:

Weg vom „Ich kommuniziere, also bin ich“

Überlege Dir vor jeder Nachricht, E-Mail etc., ob sie wirklich schreibens- und lesenwert ist. Oder ob Du sie vielleicht nur tippen willst, weil Dir gerade langweilig ist. So vermeidest Du Unterhaltungen ohne wirklichen Informationsgehalt und Mehrwert und verschwendest weder Deine Zeit noch die von anderen.

Mach den Realitäts-Check

Bevor Du eine Nachricht oder E-Mail abschickst, frag Dich: Wie würdest Du den Inhalt real kommunizieren in der Situation? Würdest Du selbst gern diese Nachricht erhalten? Bringe anderen − auch Fremden − auch digital den Respekt entgegen, den Du Dir selbst wünschst.

Benutze klare Worte

Kommuniziere immer so klar wie möglich. Denn Zwischentöne, Metabotschaften usw. lassen sich über digitale Kommunikationskanäle nur bedingt transportieren. Schon gar nicht dann, wenn wir den anderen nicht gut kennen.

Frag nach

Deine Interpretation von Botschaften muss nicht die des anderen sein. Gehe daher nie automatisch davon aus, dass Deine Nachrichten genauso verstanden werden wie Du es gemeint hast. Überprüfe dabei auch Deine Haltung dem anderen gegenüber: Wer negativ denkt, interpretiert auch Nachrichten entsprechend.

Such das reale Gespräch

Wenn Du einmal versucht hast, einen eskalierenden Chat wieder in ruhige Bahnen zu lenken, weißt Du, dass das oft ein sinnloses Unterfangen ist. In Konfliktsituationen solltest Du deswegen immer das reale Gespräch suchen − selbst wenn es nur ein Telefonat oder Skype-Gespräch ist.

Wie kommunizierst Du am liebsten? Und glaubst Du, dass unsere Kommunikation durch digitale Medien besser oder schlechter wird? Poste Deine Einschätzung gern in den Kommentaren!

Fußnoten

  1. Hier der komplette Artikel zur Kommunikation im Smartphonezeitalter aus „tv diskurs“ Nr. 75.
  2. Mehr zu Emoji-Studien.

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